Direktversicherung rechnet sich längst nicht mehr

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Seit dem Jahr 2002 haben Arbeitnehmer in Deutschland das Recht auf eine betriebliche Altersvorsorge, kurz bAV. Arbeitgeber müssen seitdem einen der fünf vorgesehenen Durchführungswege Pensionszusage, Pensionskasse, Pensionsfonds, Unterstützungskasse, Direktversicherung anbieten.

Jeder Beschäftigte kann bis vier Prozent seines sozialversicherungspflichtigen Bruttoeinkommens durch eine Entgeltumwandlung in einen Altersvorsorge-Vertrag investieren, den sein Chef auswählt und für sie oder ihn abschließt. Das häufigste Argument für den Abschluss einer betrieblichen Altersvorsorge – neben der Schließung der Rentenlücken – lautet: Der Beitragsanteil des Arbeitnehmers wird direkt von dessen Bruttoeinkommen abgezogen. So entfallen Steuern und Sozialabgaben auf diesen Teil des Gehalts. Ein Argument, das beim Arbeitgeber zieht, denn er kann ebenfalls Sozialabgaben einsparen.

Das klingt so weit so vorteilhaft für beide Seiten. Da insbesondere kleine und mittlere Unternehmen, also die Mittelständler in Deutschland, selten über eigene Pensions- oder Unterstützungskassen noch Pensionsfonds verfügen, greifen viele Firmen auf die Direktversicherung für ihre Arbeitnehmer als Durchführungsweg der bAV zurück. Für die Unternehmen scheint dies häufig der einfachste Weg, die betriebliche Altersvorsorge zu realisieren, denn die Direktversicherung ist in der Regel eine klassische Rentenversicherung, die über den Betrieb angeboten werden kann .

Vorsicht Falle: Was die wenigsten Arbeitgeber wissen: Sie haften in vollem Umfang für die erteilten Zusagen. Selbst wenn die Versorgung der Arbeitnehmer mittels einer Direktversicherung ausfinanziert werden soll!

Wie häufig liegt der Teufel im Detail. Das zeigt sich aktuell in Zeiten von Nullzinsen. Erst im Frühjahr dieses Jahres hat der Gesetzgeber den sogenannten Garantiezins bei Kapital bildenden Versicherung erneut gesenkt. Wer vom Jahr 2017 an eine Lebensversicherung oder eben eine Direktversicherung neu abschließt, bekommt statt bisher 1,25 dann nur noch 0,9 Prozent auf den Sparanteil der eingezahlten Beiträge gut geschrieben. Dieser Garantie-, fachlich korrekt: Höchstrechnungszins, legt fest, welche Verzinsung die Versicherer ihren Kunden maximal versprechen dürfen.

Hintergrund: Die Versicherer sollen nach dem Gesetzgeber nur solche Zusagen machen, die sie auch einhalten können. Und das ist angesichts anhaltend niedriger Zinsen gerade für Lebens- und Rentenversicherer immer schwieriger. Sie können an den Kapitalmärkten kaum die Renditen erwirtschaften, die sie ihren Versicherten versprochen haben. Das macht die Lebensversicherung respektive eine Private Rentenversicherung völlig unattraktiv, ja sogar komplett sinnlos für die Altersvorsorge. So schaffen es heute schon viele Versicherer auch bei den Altverträgen aus den Jahren ab 2002  mit einem Garantiezins von immerhin 2,25 Prozent nicht, eine positive Verzinsung nach Kosten für ihre Kunden darzustellen .

Auch die 1,25 Prozent, die aktuell und bis zum Jahresende 2016 von den Versicherern bei Neuverträgen garantiert werden, sind nicht gerade hoch. Zudem wird nicht die gesamte eingezahlte Prämie verzinst, sondern nur der Sparanteil, also die Einzahlungen abzüglich der Kosten für Vertrieb, Verwaltung und, bei Kapital-Policen, Risikoschutz. Da sind die Unterschiede der Direktversicherungen am Markt in der bAV sehr groß. Wie soll also der Arbeitnehmer abschätzen können, ob der ihm vorgelegte Versicherungsvertrag aktuell wirklich rentabel ist.

Ein weiteres Manko der Direktversicherung ist, dass die Entgeltumwandlung den späteren Rentenanspruch mindert. Der Arbeitnehmer zahlt ja einen Teil seines Bruttogehalts ein, erst danach werden die Beiträge für die gesetzliche Rente vom Lohn abgezogen –  damit überweist er weniger Geld in die gesetzliche Gemeinschaftskasse. Was er also zusätzlich spart, wird ihm danach wieder abgezogen. Unter Umständen kann sich die Bruttogeldumwandlung auch die Höhe von Kranken- oder Arbeitslosengeld oder auf eine Erwerbsminderungsrente auswirken.

Last but not least: Wenn Arbeitnehmer eine Direktversicherung abschließen, dann muss ihnen klar sein, dass sie diese nicht kündigen können. Auch dann nicht, wenn finanzielle Engpässe auftreten – es ist nur eine Beitragsfreistellung möglich, die am Ertrag zehrt.  Auch wichtig: beim Jobwechsel kann der Vertrag nicht ohne Einbußen beim neuen Arbeitgeber weitergeführt werden. Der muss nämlich nur das Guthaben übernehmen, frühere Rabatte oder niedrigere Gebühren gelten dann aber nicht mehr. Gerade junge Arbeitnehmer sollten ganz genau überlegen, ob sich dieses Vorsorgeinstrument für sie lohnt.

Es  gibt hier bewährte und flexible Möglichkeiten am Markt, und das ist in der Tat ein Glück,  die betriebliche Altersvorsorge auch ohne Versicherungsprodukte darzustellen.

2 Comments
  • Max U. Treichel
    September 26, 2016

    Gut gebrüllt Löwe, nur laut ist nicht immer gut.

    Soweit stimmt ja alles, nur liegt der Teufel im Detail.

    1.) Selbstverständlich erzielen die Versicherer und erhalten die Kunden mehr als eben den gesetzlichen Garantiezins. An dieser Stelle sei auch darauf hingewiesen, dass die sehr engen gesetzlichen Vorgaben die Anlagemöglichkeiten der Versicherer geradezu pervers einschränken. Die gesetzlichen Verpflichtungen machen die Versicherer geradezu zu Geiseln der deutschen und europäischen Niedrigzinspolitik und zu Zwangsabnehmern ihrer üblen Staatsanleihen. Hier ist Herr Schäuble skrupelloser als der härteste Vertriebsvorstand eines deutschen Lebensversicherers. Wenn schon nicht die Inflation so recht Einzug halten will, dann bleibt als Zahler eben der deutsche Sparer und hier der Zwangssparer Lebensversicherer.
    2.) Die Haftung des Arbeitgebers auch für eine Direktversicherung ist gesetzlicher Natur. Und deshalb ist die Zusage des Arbeitgebers intelligenter Weise immer eine Beitragszusage und keine Leistungshöhe. Ergo, das Argument zieht nicht.

    • Norbert Müller
      September 27, 2016

      Werter Herr Treichel,

      Danke für Ihren Kommentar zum Thema Direktversicherungen. Einige Aspekte haben Sie dabei leider nicht berücksichtigt. So schreiben Sie, dass Versicherer selbstverständlich mehr als den gesetzlich vorgeschriebenen Höchstrechnungszins erwirtschaften und dies auch an die Kunden weitergeben. Dies ist aus unserer, mittlerweile 30-jährigen Erfahrung leider nicht der Fall. Das Gegenteil ist vorherrschende Praxis. Warum soll ein Firmeninhaber das Geld zur Refinanzierung einer betrieblichen Altersvorsorge in solch ein marodes und vom Gesetzgeber geknebeltes Modell der Versicherungswirtschaft investieren, wenn es nachweislich bessere und bewährte Alternativen im Markt gibt?!

      Überdies führen Sie aus, dass die Haftung des Arbeitgebers gesetzlicher Natur ist, was auch wir so beschreiben. Doch dass die Zusagen IMMER beitragsorientierter Natur sind, ist zweifellos Wunschdenken. Viele Zusagen sind „irgendwie“ formuliert, insbesondere weil oft auch die Versicherungsberater nicht wirklich wissen, was sie tun. Vor allem beitragsorientierte Zusagen, das wissen Sie vielleicht, bergen für den Arbeitgeber enorme Haftungs- und deshalb Kostenrisiken. Ich verweise hier auf den § 314 VAG (Zahlungsverbot und Herabsetzung von Leistungen), den § 16.3 BetrAVG, Anpassung von Leistungen) sowie auf die dazugehörige Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts zur Arbeitgeberhaftung.

      Diese Punkte sollten Ihnen laut Beratungsphilosophie Ihres Unternehmens für Ihre Mandanten mehr am Herzen liegen als das Wohl der Versicherer.

      Deshalb: nicht laut gebrüllt, sondern sachlich und vollständig argumentiert.

      Viele Grüße Norbert Müller

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